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‘3096 Tage’ von Natascha Kampusch

★ ★ ★ ★ ★  5 von 5 Sternen


|  I N H A L T  |

Natascha Kampusch erlitt das schrecklichste Schicksal, das einem Kind zustoßen kann: Am 02. März 1998 wurde sie im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt. Ihr Peiniger, Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, hiel sie in einem Kellerverlies gefangen – 3096 Tage lang. Am 23. August 2006 gelang ihr aus eigener Kraft die Flucht. Priklopil nahm sich noch am selben Tag das Leben.

|  R E Z E N S I O N  |

Ich habe diese Autobiographie der Gefangenschaft gelesen, weil mich die Geschichte von Natascha Kampusch sehr interessiert hat und ich die starke Frau hinter diesem Medienrummel besser kennen lernen wollte. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als die Medien durch ihre Selbstbefreiung einen kleinen Aufruhr starteten und ich konnte mir kaum vorstellen, wie ein Mensch nach solch einer Tortur nicht mutlos und resigniert sein kann. Ich bin selbst nur knapp 6 Monate älter als Natascha Kampusch und war damals schon erstaunt darüber, was für eine starke Persönlichkeit sie in diesem Alter hatte.

Ich wollte etwas von mir hinterlassen, so wie Gefangene die Wände ihrer Zellen bekritzeln. Mit Bildern, Sprüchen, Kerben für jeden einzelnen Tag. Sie tun das nicht aus Langeweile, das verstand ich nun: Das Malen ist eine Methode, mit dem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins umzugehen. Sie tun es, um sich und allen, die die Zelle jemals betreten werden, zu beweisen, dass sie existieren – oder zumindest einmal existiert haben. (Seite 102)

Die Biographie beginnt zunächst kurz über ihr Leben vor der Entführung. Das Verhältnis ihrer Eltern zueinander ist nicht sehr gut und auch Kampusch selbst hat keine so rosige überglückliche Kindheit, denn ihre wichtigste Bezugsperson war bis zu einem gewissen Punkt ihre Großmutter. Des Öfteren erlebt sie zu Hause Streitereien oder ihrer Mutter rutscht vereinzelt die Hand aus, dennoch liebt sie ihre Eltern. Am Tag ihrer Entführung geht sie ohne Verabschiedung aus dem Haus, hat jedoch den Satz ihrer Mutter im Kopf, dass man niemals ohne sich zu vertragen auseinander gehen sollte. Tatsächlich denkt sie kurz darüber nach und kommt zu dem Schluss, dass sowieso nichts passieren wird und macht sich alleine zu Fuß auf den Schulweg.

Als Erwachsener weiß man, dass man ein Stück von sich selbst verliert, wenn man Gegebenheiten erdulden muss, die bis zu ihrem Eintreten völlig außerhalb des eigenen Vorstellungsvermögens waren. Der Boden, auf dem die eigene Persönlichkeit steht, bekommt einen Riss. Und doch ist es die einzig richtige Reaktion, sich anzupassen, denn sie sichert das Überleben. Als Kind handelt man intuitiver. Ich war eingeschüchtert, ich wehrte mich nicht, sondern begann, mich einzurichten – vorerst nur für eine Nacht. (Seite 53)

Auf diesem Schulweg wird sie von einem Mann in einen weißen Kastenwagen gezogen und entführt. Er sperrt sie in ein Kellerverlies und es beginnen für Kampusch Jahre voller Qualen und Demütigungen – psychischer und physischer Art. Wir begleiten sie in ihrem Buch durch diese schwere Zeit und ich war immer wieder erstaunt, wie abgeklärt und stark diese Frau ist. Was für furchtbare Misshandlungen sie erdulden musste, kann ich mir immer noch nicht ganz ausmalen und trotzdem ist Kampusch nicht gebrochen, das hat sie immer wieder betont. Sie hat versucht ihrem Peiniger immer direkt zu verzeihen, damit sie nicht selbst innerlich an Hass zerbricht oder hat versucht den Menschen hinter dem Bösen zu sehen. Durch diese Aussagen wurde Kampusch auch das “Stockholm-Syndrom” aufgedrängt oder sie wurde dafür in den Medien verhöhnt, was ich einfach als  unangebracht und als noch eine zusätzliche Demütigung empfinde. Priklopil war über 8 Jahre der einzige soziale Kontakt von Kampusch, da ist es nur verständlich, dass es dort zu einer gewissen Abhängigkeit gekommen ist und man wenigstens versucht den Menschen hinter der grausamen Fassade zu verstehen.

Aber Trauer, auch wenn sie schwer nachvollziehbar sein mag, gestand man mir nicht zu. Sobald ich begann, ein etwas differenziertes Bild vom Täter zu zeichnen, verdrehte man die Augen und sah weg. Es berührt die Menschen unangenehm, wenn ihre Kategorien von Gut und Böse ins Wanken geraten und sie damit konfrontiert werden, dass auch das personifizierte Böse ein menschliches Antlitz hat. Seine dunkle Seite ist nicht einfach so vom Himmel gefallen, niemand kommt als Monster auf die Welt. Wir werden alle durch unseren Kontakt mit der Welt, mit anderen Menschen zu dem, der wir sind. Und damit tragen wir alle letztlich auch eine Verantwortung für das, was in unseren Familien, in unserem Umfeld passiert. Sich das einzugestehen ist nicht leicht. (Seite 281)

Das Buch ist einfach sehr echt und wirklich gut geschrieben, es wird nicht groß ausgeschmückt, aber dennoch bekommt man ein sehr reales Gefühl für die Situation und man bekommt ein klares Bild über diese grausamen Jahre. Auch der Schreibstil ist einfach sehr gut – man erkennt, dass Kampusch trotz ihrer fehlenden Schulbildung sehr elaboriert ist und auch während der Gefangenschaft stetig bemüht ist zu lernen. Ich habe sehr großen Respekt vor dieser Frau und ihrem Umgang mit diesem Lebensabschnitt! Zudem fand ich es sehr bewundernswert und auch irgendwie logisch, dass sie direkt nach der Befreiung gesiezt und nicht geduzt werden wollte – nicht als das kleine Kind behandelt werden wollte, das damals enführt wurde. Sie hat all die Jahre eine unfassbare Stärke bewiesen, ist schließlich auch eigenständig geflohen und hat einfach einen enormen Respekt verdient.

Dieses Buch wurde tatsächlich auch verfilmt und das relativ detailgetreu und wahrheitsgemäß. Kampusch selbst hat nicht direkt mitgewirkt, dennoch wurde sie teilweise zur Rate gezogen. Ich fand den Film durchaus gelungen, da mich auch vor allem die junge Kampusch sehr überzeugt hat. Die Schauspielerin hatte in diesem Film ihr Debut und hat eine sehr gute Leistung abgeliefert, das fand ich schon bemerkenswert. Priklopil selbst bzw. die physische und psychische Grausamkeit kamen vielleicht nicht ganz so grausam rüber wie es in der Realität der Fall war. Außerdem hat Kampusch in ihrem Buch und mehreren Interviews betont, den sexuellen Missbrauch zum Schutz ihrer Privatsphäre, die hier sowieso schon so minimiert wurde, nicht groß zu thematisieren und das wurde in der Verfilmung nicht berücksichtigt. Ich fand es sehr schade, dass ein so schlimmes Verbrechen durch diese noch intimeren Momente noch grausamer gemacht wurde. Als sei eine Andeutung und das Erlebte an sich nicht schon schlimm genug.

Ich könnte noch jede Menge Zitate aufführen oder viele Beispiele bringen, denn diese Biographie hat mich sehr beschäftigt und auch nachhaltig bewegt. Ende der 90er Jahre wurden einige Mädchen vor allem für sexuellen Missbrauch und anschließendem Mord entführt. Ich kann mich auch noch erinnern, dass es sehr viele Fälle gab und wir damals im Dunkeln nicht alleine draußen unterwegs sein sollten. Dieses Thema war für mich einfach sehr präsent und für Kampusch wurde es zur Realität. Ich finde es sehr mutig, dass sie mit diesem Buch ihre Geschichte mit uns teilt!

Hier geht es zum Buch: ‘3096 Tage’ von Natascha Kampusch.

|  Z U R   A U T O R I N  |

Natascha Kampusch wurde 1988 in Wien als Tochter einer Schneiderin und eines Bäckermeisters geboren. Ihre Eltern, die nie miteinander verheiratet waren, trennten sich als Kampusch noch klein war. Sie hat mütterlicherseits zwei ältere Halbschwestern. Vor ihrer Entführung besuchte sie die vierte Klasse der Volksschule.

© Inhalt und Info zur Autorin ullstein Verlag

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